RIGILAUL - Musik in unserer Muttersprache von Mikk Sarv

Ein Artikel über estnische Musik.

Wenn wir an in Estland gemachte Musik denken, dann sind die ersten Worte, die uns in den Sinn kommen, Estländische regilaul, wie es in der literarischen Sprache genannt werden soll. Die ursprünglichen Volkssänger jedoch gebrauchen nicht dieselben Worte, wenn sie über ihre Lieder sprechen. Was also sind die Unterschiede zwischen solchen Worten wie Eesti (Estland) und Maa (dessen vielfältige Bedeutungen umfassen: die Erde, Erdboden, das Land (geographisch), Land (als Landschaft), der Estnischen Sprache (eesti keel) und der Volkssprache (Mundart) und der Sprache der Erde (maakeel), des Estnischen Volkes (eesti rahvas) und des Erdenvolkes (maarahvas)?

Eesti (Estland) ist der Name, unter dem andere europäische Nationen uns gekannt haben.

Die Assoziationen zu diesem Wort lassen sowohl Missbilligung als auch Anerkennung mitklingen. Während der Wikingerzeit, vor tausend Jahren, waren die Esten bekannte Krieger in der Ostseeregion.

Getreide, das in den verräucherten Bauernhäusern Estlands getrocknet worden war, war ein geschätztes strategisches Handelsgut in ganz Europa während des Mittelalters. Andererseits wurden die Estnischen Bauern, ihre Sprache und Lebensart als unterlegen angesehen von den baltischen Germanen, bis ins 19. Jahrhundert und länger, um eine Rechtfertigung zu haben, die Esten zu Sklaven zu machen. 1857 wurde die Zeitung The Pärnu Courier herausgegeben, und es war in dieser Zeitung, dass Johann Woldemar Jannsen (1819 - 1890) vom “Volk der Erde” berichtete und dabei den Ausdruck “Volk von Estland” benutzte. Seitdem nehmen wir uns zunehmend selbst als Estländer wahr, eine Nation, die vor weniger als 150 Jahren erwachte, und immer weniger als das “Volk der Erde” mit seiner jahrtausende alten Geschichte. Die Worte maa (die Erde, der Erdboden, das Land, die Landschaft), und maakeel (die Sprache der Erde, die Sprache des Volkes) haben eine sehr vielsagende und emotional aufgeladene Bedeutung in Estland. Maa bezieht sich auf den fruchtbaren Boden, es ist ein Territorium, der Staat, unser Heimatplanet, eines der ursprünglichen Elemente, dasjenige das Leben gebiert. Maakeel, die Sprache der Erde, ist die Sprache der Menschen, die in ihrer eigenen Erde leben und für sie sorgen. Das “Volk der Erde” selbst gebraucht das Wort Maa, das Land, als Bezeichnung des Territoriums von Estland.

Der Begriff regilaul scheint sich herzuleiten von dem Wort regi (Schlitten), es bezeichnet das älteste Transportmittel. Ein Schlitten würde jemanden über einen sumpfigen Flecken Land bringen, selbst im Sommer, während ein Wagen hoffnungslos steckenbliebe. Im Winter würde ein Schlitten dich geradewegs über Sümpfe und Seen, entlang der Flüsse und Winterwege bringen. Schlitten würden Händlern helfen, tausende von Kilometern zu überbrücken auf ihren Reisen und die Menschen von Küste zu Küste zu verbinden. Schlitten hinterlassen zwei Spuren, die auf den Horizont zulaufen, über die weite Ebene. Diese Spuren sind sich immer nahe, aber sie können sich nie berühren. Ein Lied würde helfen, eine lange Schlittenreise zu verkürzen, die Reisenden wach zu halten und ihren Geist zu beleben.

Sprichwörter und Rätsel sind die kürzesten Formen des regilaul. Die längsten jedoch enthalten hunderte oder sogar tausende von Versen. Sänger wandeln alte Mythen, Märchen und schamanische Reisen in die Form des regilaul um und reichen sie von einer Generation an die nächste weiter. Gleichzeitig ist regilaul als eine Kunstform auch eine hoch entwickelte Ausdrucksform. Geschickte Sänger können die normale Sprache jederzeit in regilaul umwandeln und vortragen. Dies war früher allgemein üblich während festlicher Rituale, zum Beispiel Hochzeiten, oder während Beschwörungen und Vereidigungszeremonien.

Ein Sängerfest mit Chören aus allen Winkeln Estlands fand 1869 in Tartu statt, um die Abschaffung der Leibeigenschaft zu feiern. Seitdem wurden alle fünf Jahre Liederfestivals veranstaltet als Tribut an die Idee der Freiheit. 1989 versammelte sich ein Fünftel der estländischen Bevölkerung auf dem Sängerfest- Gelände in Tallin, um ihr Land von der Besatzung freizusingen. Der Estnische regilaul spielte eine zentrale Rolle bei all diesen Beispielen des Gemeinschafts - Singens. Wenn wir die genaue wortgetreue Bedeutung des Wortes laulupidu (Liederfestival) nehmen, dann bedeutet das “ein Lied halten”, das heißt alle anderen Aktivitäten zu unterbrechen, damit die Menschen sich ganz dem Lied widmen können. Für uns Esten kann Singen benutzt werden, um die Welt zu verändern.

Nach dem Grossen Nordischen Krieg im 18. Jahrhundert fing die Landbevölkerung an, die Choräle der Herrnhuter Brüdergemeinde zu singen. Der Chorgesang trat an die Stelle, die vorher der regilaul und die ursprüngliche Estnische Musik innehatten. Liedtexte wurden jetzt meist aus anderen Sprachen übersetzt und das Ergebnis klang oft unbeholfen, verglichen mit dem regilaul, und ignorierte den innewohnenden Rhythmus des Estnischen. Die nächste Generation, die in Familien der Herrnhuter Brüdergemeinde aufgewachsen war, erkannte die Wichtigkeit des regilaul für den Fortbestand der estnischen Sprache und Musik. Jakob Hurt (1839- 1907) war ebenfalls in einer Herrnhuter Brüdergemeinde grossgeworden, und seiner Berufung zum Aufzeichnen der Volkslieder und Geschichten ist es zu verdanken, dass wir eine umfangreiche Sammlung von Manuskripten haben, die Lieder im typischenTakt des regilaul enthalten. Tausende Seiten von Liedern, aufgezeichnet in tausenden von Dörfern sind ein lebendiger Beweis für den guten Stand der Erzähl- und Schriftkultur unserer Vorfahren gerade im 19. Jahrhundert und ihrer tiefen Liebe zur Musik in ihrer Muttersprache. Uku Masing (1909- 1985), der ebenfalls in einer Bruderschaft der Herrnhuter Brüdergemeinde aufgewachsen war, hat uns eine Theorie hinterlassen über die Verbindungen zwischen den Weltsichten, die durch den regilaul repräsentiert werden, und den Weltsichten anderer alter Völker der Erde.

Der Komponist Veljo Tormis (b. 1930), der in der Familie eines Küsters und Organisten aufwuchs, brachte den echten regilaul zurück in das Repertoire der Chöre.

Allerdings unterscheidet sich der regilaul, der in einem Chor geübt und gesungen wird, sehr von dem regilaul, der frei durch den Sänger fliesst. Die Kraft solcher Lieder und die Fähigkeit, sie zu singen, ist auch charakteristisch für einige den Esten verwandte Nationen, zum Beispiel die Sami, die Ostyaks( Sibirien), die Vogul (nördl. Ural) und ebenso ursprüngliche Völker anderer Kontinente. Für diese Völker bedeutet singen den freien Fluss der Natur durch den menschlichen Geist. Jedes Gesangs- Ereignis ist ein einmaliges Geschehen und kann nicht wiederholt werden. Während jedes Gesangs- Vorgangs werden die Landschaft, die Menschen und die Ereignisse, von denen das Lied handelt, neu geboren für die Sänger und die Zuhörer.

Die Macht des regilaul ist nur vorhanden, wenn da auch eine Melodie ist. Wo findet man eine geeignete und angemessene Melodie für die Strophe regilaul, die man im Kopf hat? Regilaul- Melodien kann man nicht von einem Notenblatt lernen, man muß danach suchen in etwas, das “Weiden- Noten” genannt wird. Wie der Sänger Thomas Köömel 1913 Volkslied- Forschern erklärte, die das Dorf Rannu in der Gemeinde Viru- Nigula besuchten: “Diese alten Lieder hatten keine feststehende Melodie, sie wurden einfach so gesungen -nach Weiden- Noten.” Auf die Frage: ”Was bedeutet das?” antwortete er: “Nun, das bedeutet, dass jeder Sänger seine eigenen Noten hat, die er singt. Man kann die Weiden- Noten lernen, wenn man zu einem Baum, Stein, Fluss oder einer Quelle geht, allein und ohne mit jemandem zu sprechen, und fragt dort nach einer Melodie. Wenn Sie wissen, wie man sehr still ist, und Ihr Herz öffnen, dann beginnt eine Melodie im Inneren zu singen. Man singt es mit und dankt dem Ort, an dem man die Melodie gefunden hat.

Estnischer regilaul ist ein sehr altes und machtvolles Kommunikationsmittel für eine eigenwillige Nation mit dem Rest der Welt. Um es zu benutzen, muss man die Ewigkeit umarmen und in der Seele das Bild eines Schlittens aufrufen, dessen beide Spuren zum Horizont führen. In der Nähe jedes Verses gibt es einen zweiten, der auf etwas andere Art und Weise in die gleiche Richtung führt. Jeder Vers bewegt sich in seiner Spur entlang, vorangezogen durch Worte, die ähnliche Klänge enthalten.

Es hat Fälle während regilaul- Kursen gegeben, bei denen Menschen aus dem Klassenzimmer für eine halbe Stunde nach draußen geschickt wurden, um eine Melodie für ein Sprichwort oder Rätsel zu finden, die mit leuchtenden Augen und den Köpfen voller interessanter und origineller Musik zurückkamen, die es wohl wert war, sie andere zu lehren. Am spannendsten ist es, dass es oft möglich ist, durch einen solchen Ton die Herkunft der Großeltern oder ferner Vorfahren des Komponisten auszumachen. Auf seltsame Art sind diese Klänge verwahrt in den Herzen der Menschen, und wenn sie den Mut haben, die Hilfe der Natur zu erbitten -Bäume, Steine, das Wasser um sie herum- können sie diese Klänge wiederfinden.

Wahrscheinlich enthalten die Weiden Noten die musikalische Muttersprache der Esten- die Essenz des regilaul, so erklären es die Sänger, wenn sie über die Herkunft ihrer Lieder und Melodien sprechen. In einem Lied wird erzählt, wie eine Mutter die Wiege ihres Kindes auf die Weide mitnahm und sie an eine Birkenast hängte, damit Kuckucke und Sommervögel ihrem Kind ihre Melodien geben sollten, damit ein Barde aus ihm würde. Viele Lieder erzählen über den Menschen durch die Natur, und über die Natur durch den Menschen. Nach einem anderen Lied geht ein Waisenkind in der Mittsommernacht zum Grab seiner Eltern, um ihren Rat und ihre Hilfe zu erbitten. Und die Mutter antwortet aus der Unterwelt: “Möge der Wind Dich freundlich lehren, möge der Himmel Dir Weisheit geben.” Vögel und Bäume trösten Menschen, die unglücklich sind, und versuchen ihnen ein Beispiel zu sein. Ein Sänger richtet seinen Geist, Sinn und Herz aus, so dass sie in Bewegung bleiben und immer fröhlich sind. Die perfekte Existenz ist die eines singenden Wanderers. Wenn Du Deinen Pfad gehst ohne zu singen, dann ist das eine Beleidigung für das Land, für Wiesen, Wälder und Bäume, und sie zeigen einem solchen Wanderer ihre Missbilligung, indem sie ihm die Kraft nehmen weiterzugehen. Wer seinen Weg mit fröhlichen Liedern begleitet, dem wird zusätzliche Kraft und Freude gegeben.

Das Gefühl oder Verständnis dafür, dass Musik, Melodien und Lieder uns mit dem Universum verbinden ist ein gemeinsames Konzept, das die Esten mit verwandten Nationen teilen und mit anderen Völkern in Sibirien, Nordamerika und Australien mit einen ähnlichen Lebenseinstellung. Das Land, Straßen und Wege, alle Geschöpfe der Welt sehnen sich nach Gesang. Wenn wir vergessen, über sie zu singen, können sie uns ihre Kraft und Unterstützung nicht geben. Wenn wir jedoch über sie singen, übermitteln sie uns die Kräfte des Universums, die ein Teil von ihnen sind.

Die heutigen Esten sind nicht so scharf darauf, ihre Sprache und ihre Ideen in Liedern zu äußern. Nur zwei- oder dreijährige Kinder wagen, Lieder und Worte, von Musik begleitet, durch sich hindurchfließen zu lassen. Wenn wir älter werden, verschwindet scheinbar unsere Fähigkeit, Musik in unserer Muttersprache zu machen. Schon im Kindergarten und danach in der Schule versuchen wir, “richtig” zu singen, in der Art, wie andere Leute singen. Viele estnische Lieder über das Land, über Bäume und Steine wurden nie von Erwachsenen gesungen, weil ihre Musiklehrer (deren Ausbildung auf ausländischer Musik basiert) ihnen in der Grundschule gesagt haben, dass es besser ist, nicht solche Lieder zu singen.

Und doch ist unsere Muttersprache, die Sprache unseres Landes, der beste Weg, die Macht des Landes, der Bäume, Wälder und des Wassers zu teilen. Unsere Vorfahren haben diese Sprache und diese musikalischen Zusammenhänge genährt, indem sie Lieder gesungen, sie aufgenommen und an andere weitergegeben haben. Für uns ist die Zeit gekommen, wir selbst zu sein: nach einem halben Jahrhundert der Besatzung haben wir unseren eigenen Staat, unsere eigenen lokalen Regierungen, Schulen und Bildungswesen, und Musikschulen. Laßt uns wir selbst sein in jeder Hinsicht, einschließlich der Sprache, Ideen und Musik. Wenn wir unserer Identität treu bleiben, werden die Geister des Landes, des Wassers und des Waldes unseren Komponisten und Sängern die Macht geben, die alten ebenso wie die neuen Lieder im Geist der Menschen lebendig zu machen. Die spirituelle Kraft dieser Lieder ist so groß, dass unsere Komponisten Anerkennung und Aufmerksamkeit aus allen Teilen der Welt gewinnen werden. So sollten unsere Vorfahren, die schon Lieder und Gebete über uns gemacht haben hunderte und tausende von Jahren bevor wir ins Dasein kamen, glücklich und zufrieden sein. Und wir selbst werden ebenfalls glücklich sein mit den Liedern für Generationen, die in hunderten und tausenden Jahren kommen werden. Aber diese Generationen brauchen, dass wir jetzt singen, damit die Macht unserer Lieder stark genug ist, sie in der Zukunft zu erreichen.

Das Wort laul (Lied) ist die Wurzel des Wortes laulatus (Trauung), d.h. ein Phänomen, das zwei Leute verbindet, um gemeinsam zu leben und zu wachsen.

 

Aus dem Englischen übersetzt. Das Original finden Sie auf unserer englischen Homepage!

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