Wildnis(er)leben

Seminar von Relska Laks am 30. April bis 07. Mai 2016 in Puka Vald in Estland

Ein Erfahrungsbericht einer Seminarteilnehmerin (siehe Seminarrückblick)
Die Wildniswoche bei Relska Laks in Estland fand in kleinem Kreis statt: Nur zwei Frauen (Dagmar und Silke) hatten sich entschlossen, ein paar Tage mit der erfahrenen Jägerin Relska im wilden Wald zu verbringen. Die Ankunft auf Relskas kleinem Gehöft am 30.April / Walpurgisnacht feierten wir mit einem großen Feuer – auf dem Weg durchs Land hatten wir bereits viele Feuer gesehen.

Die erste Nacht schliefen wir im Saunahäuschen am See. Am Morgen des 1. Mai fuhr ihr Mann Rainer uns dann, nach einem ausgiebigen Frühstück im Kreis der Familie, in den Wald südlich des großen Sees Vortsjärv.

Da Relska sehr gut deutsch spricht gab es keine Verständigungsprobleme und wir drei Frauen hatten bereits einen guten Draht zueinander gefunden. Was uns genau erwartete, hatten wir relativ offen gelassen – klar war nur, dass wir keine Zelte dabei hatten und kaum Proviant, denn es ging darum, möglichst vom Wald zu leben und sich auf das nötigste und wesentliche zu beschränken.

Das Wetter meinte es gut mit uns. Nachdem wir uns zuvor in Deutschland bei Hagelschauern und Kälte noch Sorgen gemacht hatten, begann in Estland gerade der Frühling mit dem ersten Grün und angenehm mildem Wetter.

Relska kannte das Waldgebiet, hatte aber keinen Platz im Voraus ausgesucht, sondern ließ sich intuitiv leiten. Wir fanden einen schönen Platz am kleinen Flüsschen, voller blühender Buschwindröschen und blauen Leberblümchen, ringsum viel Totholz und Morast, anders als die aufgeräumten Wälder in Deutschland.

Wir machten uns direkt daran unser Lager herzurichten, d.h. erstmal einen Unterstand aus kleinen Fichtenstämmchen zu bauen. Das hieß sägen, Stämme schleppen, mit der Machete entasten und das Dach am Ende mit Fichtengrün schön dicht zu decken. Da ich als Naturpädagogin selbst im Wald arbeite, waren mir diese Arbeitsgänge geläufig. Auch Silke war nicht zimperlich und so waren wir nach einigen Stunden Arbeit ziemlich erschöpft, aber zufrieden mit unserem neuen Zuhause. Zum Abendbrot am Lagerfeuer gab es die letzten Scheiben Brot und noch ein Ei vom Frühstückstisch und dann schliefen wir gut und friedlich auf unserem Lager aus Fichtenzweigen. Das Feuer brannte über Nacht, denn es stand fest, dass es in der Gegend Wölfe gibt; es war schließlich Relskas Jagdrevier.

Für den Frühstückstee, mit Wasser aus dem Fluss, pflückten wir Erdbeerblätter. Unsere Wege waren die Elchpfade, die man im Unterholz gut erkennen konnte. Tierspuren gab es reichlich, auch einen Biberbau am Fluss, aber wir bekamen kaum Tiere zu Gesicht.
Ein Highlight war die Wolfsspur, die wir auf einem sandigen Waldweg entdeckten. Dort fanden wir auch Pilze die Relska als essbar kannte, nachdem man sie zweimal gekocht und das Kochwasser abgegossen hatte.

Wir vertrauten Relskas Erfahrung. Tatsächlich sind Frühjahrslorcheln in Russland und den nordischen Ländern so zubereitet eine beliebte Speise. Dazu gab es Brennesselsuppe und wir freuten uns, dass wir nicht fasten mussten.

Neben der Nahrungssuche und Feuerholzbeschaffung gab es auch stille Zeiten, wo wir allein im Wald saßen, jede mit ihren eigenen inneren Prozessen.

Nachdem wir beim Feuermachen mit dem Drillbogen und dem Fischen mit selbstgebastelter Angel nicht sehr erfolgreich waren, waren wir uns einig, dass für uns nicht das Erlernen von Techniken im Vordergrund stand, sondern die innere Verbundenheit und das Vertrauen in die Wildnis. So begrüßten wir morgens die Elemente, badeten nackt im Fluss und kamen doch noch zu unserem Fisch.

Am dritten Tag wollten wir eine Wanderung zum See machen, doch Silke hatte eher das Bedürfnis nach einem meditativen Tag am Platz. Beim Holzmachen hatten wir einen, von Bibern abgenagten, Stamm entdeckt, der schon wie eine Gestalt aussah: Wir stellten ihn am Lager auf, gaben ihm ein Gesicht und schmückten ihn. Dann belebten wir unseren Wächter mit einem Ritual mit Rasseln und Gesang und baten um Schutz für unseren Platz. So blieb Silke dann dort allein und Relska und ich wanderten barfuss zum See.

Auf dem Weg schlängelte sich plötzlich eine Kreuzotter davon, sodass klar war, dass erhöhte Aufmerksamkeit angesagt war, insgesamt sahen wir dann drei Kreuzottern. Drei Schlangen – drei Frauen: Wir nahmen es als Zeichen unsere Schlangenkraft zu wecken.

Am See genossen wir die Frühlingssonne. Irgendwann kamen zwei Angler mit ihren Booten zurück. Ich hatte zufällig noch ein paar Euromünzen in der Tasche und fragte Relska, ob sie damit evtl. den Anglern einen Fisch abkaufen wollte. Die beiden alten Russen packten nicht nur einen Hecht in die Tüte, sondern noch einen und schließlich noch einen dritten, nachdem wir uns schon überschwenglich bedankt hatten. Ich fragte Relska was sie denen erzählt hatte und sie sagte: Die Wahrheit! Wir sind drei Frauen allein im Wald, haben nichts mehr zu essen und nichts gefischt – da hatten die alten Männer wohl Mitleid mit uns. So gab es also Abends ein Festmahl, es war unsere letzte Nacht im Wald.

Am nächsten Tag ging es zurück zu Relskas wunderschönem Zuhause. Um unsere innere Reise zu vertiefen, trommelte Relska für uns und begleitete unsere Krafttiersuche. Ihre Kraft hatten wir schon im Wald schätzen gelernt, nicht nur ihre geschärften Sinne, auch ihr Einfühlungsvermögen, ihre Hellsichtigkeit und ihre energetische Kraft hatten uns in unserem Vertrauen bestärkt.

Zum Abschluss genossen wir noch die Sauna mit Bad im kleinen See und ein gemeinsames Abendessen mit Wildschweinbraten im Kreis ihrer netten Familie. Wir werden wiederkommen: Um das zu bestärken, flochten wir noch ein paar bunte Bänder in die alte Linde – so war auch eine Verbindung zum letzten SNE Kongress geknüpft, auf dem wir uns kennengelernt hatten. Relskas Platz hat auf jeden Fall das Potential zu einem Begegnungsort zu werden, das einfache und wilde Estland haben wir ins Herz geschlossen.

Zitat von Relska: „Ich freue mich, dass zwei Frauen so glücklich waren“

Zum Seminarrückblick

 

Melde Dich an um zu kommentieren

Kommentare