14 Jul

Sind Europäer dazu befugt Schamanismus zu unterrichten?

geschrieben von Schamanisches Netzwerk Europa e.V.

Was sie über schamanische Ausbildungen oder Seminare in Europa wissen müssen, wenn der Unterricht von Europäern angeboten wird.

In verschiedenen europäischen Ländern existiert ein unübersichtliches und weites Feld an schamanischen Kursen und Ausbildungswegen die von Europäern angeboten werden. Dieser Markt ist, wie wir meinen, eine bunte Mischung aus zweifelhaften und auch ernst zu nehmenden Konzepten.

Im Folgenden erhalten Sie einige Anregungen die Ihnen ermöglichen, bei der Wahl von Seminaren oder einer geeigneten Ausbildung, das Angebot auch kritisch zu sichten. Aus unserer Sicht gibt es einfache Kriterien, mit denen Sie den Wert einer Ausbildung einschätzen können. Wir möchten Ihnen unsere Erfahrung anbieten, damit Sie unterscheiden können worauf es ankommt. Welche Fragen sind aus unserer Sicht wichtig? Bitte erkundigen Sie sich zuerst, wer die Person, die den Unterricht anbietet, selbst ausgebildet und autorisiert hat. Namen, die Ihnen nichts sagen, sollten durch eine Kultur oder Tradition aussagekräftiger werden. 

Schamanisches Wissen ist immer an eine Kultur gebunden. Wissenschaftliche oder künstlerische Ursprünge des Wissens sind selten authentisch. Seien Sie vorsichtig damit, denn diese Sichtweise bleibt oft am „Äußerlichen“ oder an Gesten hängen. Das gilt selbst dann, wenn auf Aufenthalte bei nativen Ethnien verwiesen werden kann. Nicht die Aufenthalte sind es, die jemanden qualifizieren. Eine traditionelle, langjährige Ausbildung ist mit bestandenen Prüfungen verbunden. Aber auch das reicht noch nicht, um andere Menschen in Europa ausbilden zu können. Wer andere schamanisch ausbilden will, muss ausdrücklich dazu autorisiert worden sein. Das kann für schamanische Ausbildungen in der Regel nur durch traditionelle Kulturen geschehen. Fragen Sie nach, ob das, bei dem angebotenen Unterricht, der Fall ist. Dieser Aspekt ist wichtig, denn wenn dieser Punkt nicht klar ist, besteht der Verdacht auf eine kolonialistische Bereicherung am immateriellen Kulturerbe traditioneller Völker, die diese auch selbst so nennen.

„Psychotherapeutischer“ Schamanismus ist eine Konstruktion die sich selbst widerspricht, da Schamanismus etwas wie „Psyche“ gar nicht kennt und ablehnt.

Im Bereich von germanischen oder keltischen Überlieferungen gibt es viele Hinweise auf das, was wir heute schamanisches Wissen nennen. Dennoch sind es nur Indizien, denn beide Kulturen haben keine aussagekräftigen schriftlichen Überlieferungen hinterlassen. Alle schriftlichen Berichte über sie stammen von ihren militärischen oder religiösen Gegnern. Viele Schriften sind etliche Jahrhunderte nach dem Verlöschen dieser Kulturen entstanden. Es gibt also heute sehr viel Interpretationsspielraum für das was wesentlich ist und was nicht. Die keltische und germanische Kultur sind in Einzelaspekten durchaus noch lebendig. Jedoch gibt es keine authentischen, lebenden Lehrenden mehr. Diese Kulturen gibt es nur noch als rekonstruierbare Reste. In diesem Kontext empfehlen wir das Buch: Birkhan, Helmut: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur; Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaft.

Ähnliche Vorbehalte gelten für viele Bereiche des spirituellen Lebens in Europa. Oft werden Kombinationen aus anderen Kulturen als Ersatz für eine überzeugende europäische Kultur angeboten. Aber eine Kultur ist keine beliebige Kleidung. Es ist z.B. nicht möglich, sich „Ahnen“ oder „Heimat“ von einer anderen Kultur auszuborgen. Das zeigt die Grenzen des Imitierens.

Menschen die schamanische Ausbildungen anbieten müssen in der Lage sein, auch die Schattenaspekte ihrer Arbeit zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Die AusbilderInnen klären Teilnehmer und Teilnehmerinnen deshalb gründlich über die, mit dieser Arbeit verbundenen, Gefahren und entsprechenden Lösungsstrategien auf. Wie geht jemand mit sogenannten Besetzungen um? Hat die Lehrerin, der Lehrer damit genügend Erfahrung?

SeminarleiterInnen die schamanische Veranstaltungen anbietenmüssen in der Lage sein, vorgebrachte persönliche Probleme souverän und konstruktiv zu behandeln. Wer individuelle Ursachen für Schwierigkeiten benennt, die bei anderen Angst oder Gewissenskonflikte hervorrufen, ist für diese Aufgabe völlig ungeeignet. Wer das Bedürfnis bestärkt, alle Probleme hauptsächlich individuell deuten zu wollen, sitzt dem europäischen Zwang auf, für alles „Ursachen“ in einer Person zu finden. Das ist eher ein psychotherapeutischer Ansatz und hat mit Schamanismus wenig zu tun. Verantwortungsvolle Schamanen stärken andere Menschen und betonen die heilsamen Aspekte des Lebens. Sie beziehen in ihre lösungsorientierten Ansätze sowohl heilende spirituelle Sichtweisen als auch die Rolle der Gemeinschaft mit ein. Schamanen stärken andere Menschen und betonen alle heilsamen Aspekte des Lebens. Sie beziehen in ihre lösungsorientierten Sichtweisen immer die Rolle der Gemeinschaft mit ein. Sie sind in gesellschaftlichem Sinn und als Vertreter ihrer Kultur und ihres Geschlechtes, Rollenmodelle für andere. Dennoch sind sie keine abgehobenen Heiligen. Schamanen sind Menschen.

Die „Alpen“ oder der „Wald“ sind zwar wichtige Lehrer für uns, können aber keine Menschen schamanisch initiieren. Das bleibt für Menschen nur anderen Menschen vorbehalten, denn die Perspektive aller Lebewesen hat spezifische Grenzen. Nur Menschen können unter bestimmten Voraussetzungen, Menschen ganz erfassen. Menschen können mit den „Alpen“ und dem „Wald“ kommunizieren, aber auch sie haben eine begrenzte Wahrnehmungsfähigkeit für andere Wesen. Auch der „Wald“ hat seine eigenen „Waldgrenzen“. Dies lehren uns traditionelle Schamaninnen und Schamanen aus vielen unterschiedlichen Kulturen.

Die Ziele der Ausbildung müssen vor Beginn genau benannt werden. Die Ausbildung kann mit einer Initiation abgeschlossen werden. Diese beinhaltet eine ernstzunehmende, praktische Prüfung. Eine beliebige Reihe von Seminaren ist keine Ausbildung. Wer endlose Seminarreihen zur Ausbildung anbietet, muss sich fragen lassen, ob das nicht Strukturen der Abhängigkeit fördert. Eine Ausbildung braucht ein Konzept das aus einem Guß stammt.

Europäische Inhalte:

In ernstzunehmenden Ausbildungen wurde der traditionell schamanische Inhalt auf unsere Bedingungen in Europa kreativ und genau übertragen. Die Kultur, die der Bezugspunkt ist, ist in Europa natürlich Europa. Ein bloßes imitieren traditioneller Kulturen ist nicht überzeugend.

Während der Ausbildung ist es notwendig, kostenfrei und durchgängig Supervision aus einer Hand anzubieten. Für verantwortliche Lehrende ist das selbstverständlich.

Die Ausbilder und Ausbilderinnen verfügen nachweislich über eine langjährige praktische Erfahrung, ihr Wissen im eigenen Leben erfolgreich anzuwenden.

Eine Vermischung von schamanischen Inhalten mit Psychotherapie und dem bunten Strauß aller Weltreligionen ist wenig überzeugend. Selbsterfahrung und religiöse Dogmen sind keine Elemente einer schamanischen Arbeit.

Geeignete Lehrende sind frei vom suchthaften Einflüssen von Alkohol, halluzinogenen Pflanzen oder Medikamenten.

Verantwortliche Lehrende halten eine persönliche Distanz zu Schülerinnen und Schülern.

Vertrauenserweckende und verantwortungsvolle Lehrer und Lehreinnen klären ab, ob interessierte Schüler und Schülerinnen in einer möglichen schamanischen Arbeit gefährdet sind. Sie raten Menschen die suizidal sind, aus der Psychiatrie kommen, Psychopharmaka einnehmen oder an Suchterkrankungen leiden, von einer Teilnahme ab.

Jede gute Ausbildung in schamanischem Wissen ist darauf ausgerichtet, einen deutlichen, praktischen Nutzen im Alltag möglich zu machen. Dieser Nutzen kann die Heilkunde und das Zusammenleben der Menschen, ihre sozialen Netze betreffen. Dieser Nutzen geht immer über rein persönliche Angelegenheiten hinaus. Auch das Verhältnis von Mensch und Natur ist ein Schwerpunktthema schamanischer Ausbildung. Die Neugestaltung eines europäischen Bewusstseins ist die Voraussetzung für eine zeitgemäße kulturelle Identität. Dazu ist es notwendig sich mit der spirituellen Heilkunde, den Geschichte, den Mythen und dem spirituell geprägten Brauchtum Europas aktiv zu befassen.

Alle diese Arbeitsbereiche betreffen grundlegende Gebiete des schamanischen Wissens und Arbeitens in Europa. Sie sollen deshalb in ihrem gesellschaftlichen und juristischen Zusammenhang nachvollziehbar dargestellt werden. Wir empfehlen, dass alle genannten Aspekte eines Ausbildungsangebots von allen Interessierten gut geprüft werden.

Fragen Sie nach:
  • Wie lange ist jemand im Ausbildungsbereich berufstätig?
  • Wer hat den/die Lehrenden unterrichtet? Was war Inhalt der Ausbildung?
  • Sind die AusbilderInnen authorisiert worden? Wozu?
  • Wie lange war die Ausbildung?
  • Wurde jemand aus einer langjährigen Ausbildung heraus, von traditionellen SchamanInnen authorisiert in Europa zu unterrichten?
  • Gab es eine echte Prüfung oder war dieser Akt formal?
  • Welche Erfahrung hat ein/e Lehrer/in im unterrichten von Gruppen?
  • Wie ist der/die Lehrer/in mit der spirituellen Kultur Europas in der Praxis vertraut?
  • In wieweit wurden schamanische Inhalte auf europäische Verhältnisse von der lehrenden Person selbstständig übersetzt?

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