09 Dez

Die Wintersonnenwende

geschrieben von Tanja Dreeßen

Mit dem Julfest wurde von den germanischen Stämmen in dieser längsten Nacht das wiederkehrende Licht begrüßt. Es war eines der wichtigsten Feste im Jahr. An Jul („hiol“ oder „jol“ bedeutet „Rad“) endetet in der germanischen Mythologie das Jahr und es wurden symbolisch alle Feuer gelöscht, bevor die Sonne wieder geboren wurde.

Wenn für unsere Vorfahrinnen und Vorfahren an Jul das Rad der Sonne aufhörte sich zu drehen, begann die Zeit „zwischen den Jahren“, die noch heute die „Zwölften“ oder im Süden Deutschlands die „Raunächte“ genannt werden.
Je nach Gegend wird der Beginn der Raunächte an der Wintersonnenwende oder an Weihnachten gefeiert, das Ende fällt einheitlich auf den 6.Januar.

Diese Zeit galt als „magisch“, das Alte war vergangen und das Neue hatte noch nicht angefangen, das Jahresrad stand still. Somit durfte sich auch kein Rad drehen, nicht gearbeitet, nicht gewaschen und vor allem nicht gesponnen werden.

wintersonnenwende artikel 02In den Raunächten wurde ausgiebig orakelt und jede Raunacht stand für einen Monat des neuen Jahres. Man glaubte, was man in diesen zwölf bzw. dreizehn Nächten träumte, würde sich im entsprechenden Monat des folgenden Jahres verwirklichen.

Die Wintersonnenwende ist der Festtag der gemanischen Göttin „Holla“, die wir aus den Märchen als „Frau Holle“ kennen. Sie war ursprünglich die große Göttin, die sowohl über die Sonne als auch über den Regen und den Schnee herrschte. Wer zu ihr wollte, musste durch den Brunnen gehen. Sie sorgte dafür, dass das Neugeborene heil ans Tageslicht kam und die Verstorbenen den Eingang zum Totenreich fanden.

Die 13 Raunächte sind die heilige Zeit der Göttin und nach alten Überlieferungen ritt die „wilde Percht“, Frau Holla mit ihrem Geistervolk, durch die Nacht. Sie belohnte Gutes und ahndete Übles, Stube und Herd mussten sauber sein! Der Herd als Sitz der Flamme war stets Sinnbild des Seelenfeuers. Und dieses Seelenfeuer galt es, rein zu halten, z.B. durch Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Fleiß, Mitgefühl oder Großzügigkeit. Wer dies vernachlässigte, wurde von der Percht bestraft, so berichten es viele Sagen. Frau Holla achtete darauf, dass in dieser besonderen Zeit keine Arbeiten verrichtet wurden und dem Ausruhen und der achtsamen Erwartung des Neuen vorbehalten war.

Im Allgäu und im gesamten Alpenland sind noch viele alte Bräuche lebendig. Die Perchtenläufe sind auch heute noch Teil des traditionellen Brauchtums und erleben in den letzten Jahren sogar eine Wiederbelebung. Hier geht es um Abwehr von Unheil, meist durch Lärm und Getöse und das Überbringen von Segen, z.B. in Form eines Tanzes. Die Percht war einst eine strahlende Göttin („derart strahlend, dass kein Irdischer sie schauen kann oder darf“) uns erst später wurde daraus mehr angsteinflößende Fratzen, wie wir sie heute bei den Perchtumzügen finden.

Wie können wir nun dieses alte Wissen nutzen?

Da es Winterzeit ist, die Zeit der Einkehr und der Stille, ist die Wintersonnenwende traditionell ein besinnliches und ruhiges Fest. Daher wird auch gern eine „besinnliche“ Weihnachtszeit gewünscht, auch wenn viele von uns gerade in dieser Zeit ziemlich Stress haben.

Wir können uns fragen, ob wir immer erreichbar sein müssen, oder ob das Handy/ der Computer mal ausbleiben darf, die Mails mal ein Wochenende lang nicht abgerufen werden können und was das dann mit uns macht ...

Wir können diese Zeit nutzen, um über das vergangene Jahr nachzudenken, über uns selbst und über das, was wir lernen durften. Worauf wollen wir unseren Blick richten? Wohin wollen wir das Licht senden?

Wir können in einer schönen Landschaft gemeinsam mit Freunden oder Familie einen Spaziergang in der Abenddämmerung machen und dabei, oh ja, eine halbe Stunde schweigen. Dabei können wir darauf achten, was wir sehen, hören, riechen und empfinden, wo sich eventuell etwas Geheimnisvolles, Wunderbares erahnen lässt.

wintersonnenwende artikel 01Wir können in der Vorweihnachtszeit und in der Zeit der Raunächte öfter einmal inne halten und uns einen Moment der Ruhe gönnen. Uns selbst somit einen Moment Zeit erlauben, uns zu erinnern, wie wir als Kind die Weihnachtszeit erlebt haben. Welche Märchen und Geschichten haben uns beeindruckt?

Vielleicht können wir Termine absagen, wenn sie uns zu viel werden, vielleicht ist uns aber auch nach fröhlicher Gesellschaft zumute. Wir können Freunde einladen alte Familienrezepte ausprobieren, alte Lieder heraus kramen, uns gegenseitig Gedichte vortragen oder Weihnachtsgeschichten aus unserer Kindheit erzählen.

Wir können zu jedem Fest immer unsere Ahnen einladen und ihnen für die Begleitung danken, eine Speise oder Trank auf dem Ahnenaltar errichten.

Wer im Sommer Kräuter gesammelt hat, kann diese jetzt wertvoll nutzen, um sich gegen Erkältungen zu wappnen und daraus Tee kochen (z.B. aus Johanniskraut, Salbei, Thymian, Spitzwegerich). Bevor Sie den Tee daraus zubereiten, riechen Sie einmal an den getrockneten Kräutern, das ist wunderbar! So holen wir auch das Licht in uns zurück und natürlich ebenso mit all den Kerzen und Lichtern, jedes einzelne Licht ein Zeichen von Hoffnung und Zuversicht.

Wir wünschen Ihnen eine schöne Advents- und Weihnachtszeit und ein fröhliches Lichterfest!

Ihre Tanja Dreeßen (Heilpraktikerin für Psychotherapie)

 

Bild Laterne @Schalokor auf https://pixabay.com
Bild Winterlandschaft @fabiopiccini auf https://pixabay.com
Bild Perchtenlauf @werner22brigitte auf https://pixabay.com

 

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