05 Apr

Über psychoaktive Pflanzen

geschrieben von Schamanisches Netzwerk Europa e.V.

Helfen heilige Pflanzen bei der schamanischen Erfahrung? 

Über Nutzen und Gefahren von bewusstseinsverändernden Pflanzen für eine schamanischen Arbeit in Europa.

Die Anwendung von heiligen Pflanzen unterscheidet sich in Europa grundlegend von der in traditionellen Kulturen. Es gibt schamanische Kulturen, die psychoaktive Pflanzen anwenden und solche, die das nicht tun. Ihre Arbeitsergebnisse unterscheiden sich jedoch nicht. Für Europäer bestehen aber spezifische Risiken, die einen möglichen Nutzen dieser Pflanzen deutlich relativieren können. Dies wird oft übersehen. 

Heilige Pflanzen sind für keine Art von schamanischer Arbeit wirklich unbedingt notwendig. Jede andere Trancemethode ist ebenso gut, was die Ergebnisse betrifft. Das zeigt ein Blick auf verschiedene traditionelle schamanische Kulturen. Keineswegs alle wenden diese besonderen Pflanzen an.

Lediglich die deutlichere Intensität der Wahrnehmung bei Reisen mit Pflanzen kann sich von anderen Trancemethoden wie Trommeln, Gesang, Tanz oder Ausdauertraining usw. unterscheiden.

Das ist aber nicht von praxisrelevantem Vorteil, sondern eher ein Nachteil für Heiler und Heilerinnen. Sie müssen während einer Reise unbedingt die Richtung der gewählten Intention halten. Das ist auf einer, mit einer psychoaktiven Pflanze induzierten, Reise schwieriger, als wenn eine Trommel die Tore geöffnet hat. Außerdem kann man aus einer pflanzeninduzierten Reise nicht jederzeit „aussteigen“. Auch das ist nicht unwichtig.

Selbstredend treffen alle Menschen ihre eigenen Entscheidungen und wir möchten lediglich aufklären, denn wichtige Aspekte werden in der Debatte über psychoaktive Pflanzen leider oft ausgelassen.


ZUM HINTERGRUND:

Seit schamanische Erlebnisliteratur begeistert gelesen wird, ist allgemein bekannt, dass es Zauberpflanzen- heilige Pflanzen- gibt, die von Schamanen benutzt werden um leicht und schnell einen Zugang zu unglaublichen Dimensionen des Lebens zu finden. Ob es dabei um literarische Fiktion oder Dokumentation geht, diese Frage muss offen bleiben. Ganz anders als die üblichen Drogen hierzulande, versprechen viele heilige Pflanzen uns Wissen und spirituell wertvolle Erfahrungen. Es kann der Eindruck entstehen, dass alle schamanischen, traditionellen Kulturen heilige Pflanzen anwenden und das ein Zugang zu schamanischen Universen nur darüber möglich ist. Es gibt unter vielen anderen z.B. Peyote in Mexiko, Ayahuasca am Amazonas, San Pedro-Kaktus in Peru und Psylocibinpilze fast überall.

Unbeeindruckt von Gesetzen, die das in Europa verbieten, bemüht sich ein Teil von schamanisch interessierten Menschen deshalb, solche Pflanzen selbst anzuwenden, um spirituelle Erfahrungen damit zu sammeln. Es gibt immer wieder diskrete Angebote, sich dazu in einer Gruppe zu treffen. Während vor Jahrzehnten noch Cannabis als spiritueller „peace maker“ gelobt wurde, ist diese Pflanze heute bei uns zur banalen Alltagsdroge geworden, ähnlich dem Tabak der hierzulande auch niemandem als heilig gilt.

Wie sieht ein Umgang mit den heiligen Pflanzen in traditionell schamanischen Kulturen aus?

Eine Kultur hat meist eine ganz besondere Beziehung zu bestimmten, bei ihnen heimischen heiligen Pflanzen. Sie werden nur sehr selten, zu besonderen Gelegenheiten mit bestimmten, genau definierten Anliegen in der Gruppe angewendet. Es kommt vor, dass Frauen davon ausgeschlossen werden. Sie betreuen den Ablauf der Zeremonie.
Es gibt oft eine aufwendige Vorbereitung mit Fasten, einer Diät oder sexueller Enthaltsamkeit.
Die Gruppe wird von einem erfahrenen Leiter, meist dem Schamanen, durch die Zeremonie geführt. Er kennt seine Leute und weiß, wer zu schwach dafür ist.
Er leitet das Ritual, das mit viel Respekt im traditionellen Rahmen abgehalten wird.
Auf diese Weise können Menschen bzw. Männer dieser Gesellschaften für sie selbst bedeutsame Erfahrungen machen. Dieses Erlebnis schweißt auch eine Gruppe, die im Alltag aufeinander angewiesen ist, fest zusammen und eröffnet ihnen bedeutende Erkenntnisse.

Kinder sind von halluzinogenen Erlebnissen im Allgemeinen ausgenommen. 
In den meisten Fällen wenden nur Schamanen diese besonderen Substanzen selbst für besondere Situationen an. Sie sind viele Jahre geschult und hatten eine Reihe herausfordernder Prüfungen zu bestehen. Das kann nicht mit unserer europäischen Kultur gleichgesetzt werden. All das ist zweifellos nützlich und erklärt, weshalb die Achtung vor den heiligen Pflanzen in diesen Gruppen so hoch ist. 

Allerdings nutzen nicht, wie oft vermutet, alle traditionellen Kulturen diese Brücke zu anderen Ebenen der Realität. Vielen, wie auch den Inuit reicht Gesang völlig aus. Ähnlich ist das bei den Maori, obwohl sie Kava Kava kennen. Obwohl in Mexiko viele Halluzinogene traditionell benutzt werden, gibt es gerade dort auch viele Schamaninnen und Schamanen die darauf verzichten und lieber mit Blumen und schlichtem Räucherwerk arbeiten. Das trifft besonders auf Curanderas/ Curanderos, also die mexikanischen, schamanischen Heiler und Heilerinnen zu, die im Besonderen unter dem Druck stehen, greifbare Ergebnisse hervorbringen zu müssen. Ihren Erfolg schmälert ihre Haltung also nicht. Immer wieder wird auch behauptet, die Navajo würden einen Peyote Kult betreiben. Das ist richtig. Allerdings benutzen sie im Rahmen von Zeremonien Peyote nur in winzigen Dosierungen. Für eine halluzinogene Wirkung ist aber eine erhebliche Dosis nötig. Sie sind der Meinung, dass es um den Kontakt mit der Pflanze geht, der so auch gut hergestellt wird. Sie wissen um das Abhängigkeitspotential ihrer Leute und sind deshalb sehr vorsichtig. Diese Dosierungen erhalten dann auch zweijährige Kleinkinder bei Ritualen. 

Wie bei Tabak, würden sie niemals aus belanglosen Motiven heraus oder als ein „l`art pour l`art“ solche Pflanzen anwenden. Was heilig ist, wird vor dem Alltag geschützt. Auch der heilige, rituelle Umgang mit diesen Pflanzen steht einer möglichen Abhängigkeit im Alltag grundlegend entgegen.

Auch schamanische Kulturen wie beispielsweise die der Buryaten und Mongolen wenden nur Trommeln zur Tranceinduktion an, obwohl es auch dort psychoaktive Pflanzen gibt. Dasselbe gilt auch für Schamanen aus Swasiland oder einzelne traditionellen Kulturen aus Süd - und Westafrika. Die Qualität der Arbeitsergebnisse dieser Schamaninnen und Schamanen unterscheidet sich durch nichts von denen, die psychoaktive Pflanzen verwenden.

Wo ist der Unterschied dazu in Europa?

Traditionelle Ayahuasceros erklären immer wieder, dass es nötig ist, sich mit dem Pflanzengeist wirklich zu verbünden. Da das in Europa häufig nicht so recht klappen will, wird dem Ayahuasca in Europa sicherheitshalber häufig etwas LSD beigemengt und ein Auge zugedrückt. So ist es einfacher, große Erwartungen von Europäern zufrieden zu stellen. Das ist auch eine Frage des Geschäftes.
Ein Geschäft sind solche Zeremonien zweifellos. Dieses Geschäft ist beim Transport der Originalsubstanzen nach Europa gefährlich. Einige Transporteure wurden schon in den USA gefangengenommen. Aus den Pflanzen hier etwas Ursprüngliches zu „kochen“ ist kaum realisierbar. Da hilft man sich schon mal mit „Ersatz“. Je ärmer die Menschen, um so korrumpierbarer sind sie. Das ist offensichtlich. Wer versteht das Bedürfnis an dem Reichtum der Europäer teilhaben zu wollen, nicht?

Dieser Geschäftsaspekt gilt auch für eine neue Form des Tourismus in betreffende Länder, meist Südamerika. Dort werden Touristen in wenigen Tagen in den Gebrauch von „Yage“ eingeführt. Das passiert mit den Einheimischen nie. Die Menschen dort sind aus gutem Grund sehr um ihre reichen Gäste bemüht und umsorgen sie freundlich. Aber was ist, wenn diese Touristen wieder zuhause sind und sich dann Nachwehen einstellen? Dafür kann keine Vorsorge getragen werden.
Wozu sind diese Erfahrungen auf diese Art überhaupt notwendig, wenn eine anstrengende Wanderung oder ein längerer, einsamer Aufenthalt in der Natur genau so viele bedeutende Erkenntnisse befördern würde? Gut, das wäre natürlich weniger exotisch und anstrengender, aber auch risikoloser.

In Europa kann kein persönliches, gewachsenes Vertrauensverhältnis zu indigenen Kursleitern entstehen. Es sei denn sie leben in Europa und dann ist die Frage, weshalb sie das tun offen. Das ist ein Risiko, denn eine Kontrolle der Substanzen oder der Person ist faktisch ausgeschlossen, wenn ein ständiger Kontakt und die entsprechende soziale Kontrolle nicht möglich ist. Das gilt natürlich auch für den Erleuchtungspflanzentourismus.

In Europa können in spontanen Gruppen Kontraindikationen zur Anwendung von heiligen Pflanzen meist nicht ausreichend abgeklärt werden. Der Rahmen ist meist zu unverbindlich. Risiken werden in den Bereich der Selbsthaftung abgegeben, ohne dass Teilnehmern mögliche Gefährdungen umfassend erklärt werden. Sogar Kindern wird die Teilnahme an solchen Zeremonien erlaubt, wenn die Eltern das wollen.

Diese Risiken sind:
  • Unbekannte Wechselwirkungen mit Medikamenten, Alkohol und anderen Substanzen wie Cannabis ( THC ist zwei Wochen lang im Körper nachweisbar)
  • Mögliche Aktivierung von bestehenden, psychischen Konflikten die behandlungsbedürftig sind
  • Unbekannte Wirkung auf Schwangere und ihre ungeborenen Kinder
  • Triggerwirkung bei bestehenden, bedrohlichen Substanzabhängigkeiten
  • Anhaltende Brüche in der Realitätswahrnehmung, wenn kein hilfreicher vermittelnder Kontext dauerhaft zur Verfügung steht, da die Leiter/innen danach nicht mehr erreichbar sind. ... 

Diese Gefährdungen können nicht in Prozentzahlen angegeben werden, aber sie sind vorhanden. Ein Risiko für Europäer verschiedene, mögliche Folgeschäden davon zu tragen steigt in dem Maße, wie die unten genannten Bedingungen zutreffen. 

Hinweise für ein erhöhtes Risiko sind:
  • Wenn für eine Vorbereitung nur eine kurze Zeit benötigt wird
  • Wenn keine kompetente, ständige Nachbetreuung möglich ist
  • Wenn kein kultureller Bezug zu den Pflanzen da ist
  • Wenn keine Einschätzung des besonderen Charakters der jeweiligen Pflanze und ihrer Wirkung, möglich ist (dieser ist sehr unterschiedlich!!)
  • Wenn keine umfassende Aufklärung über mögliche Risiken stattfindet
  • Wenn keine Einbettung in schamanisches Weltbild erarbeitet wird
  • Wenn die Intention der Reise vorher nicht deutlich geklärt wird
  • Wenn keine kompetente Anleitung für Maximaldosierungen bei Männern oder Frauen mit zusätzlich noch unterschiedlichem Körpergewicht angegeben wird
  • Wenn keine Altersbegrenzung nach unten verantwortlich festgelegt wird
  • Wenn keine Erkrankungen oder Bedingungen genannt werden, die eine Einnahme solcher Pflanzen nicht zulassen 
 
Über Folgeschäden:

Diese Schäden sind möglich. Diese Warnung gilt bei einer Verwendung von psychoaktiven Pflanzen außerhalb eines tradierten Kontextes, ohne eine wissende Gemeinschaft und ohne erfahrene Anleitung aus der eigenen Kultur, also für Europa. ...

  • Verstärkung unterschwelliger psychischer Konflikte bis hin zur Suizidalität oder Wahnvorstellungen
  • Herauslösen aus der Alltagsebene der Realität bis hin zur Konfliktunfähigkeit und Lebensuntüchtigkeit
  • Bei Abhängigkeitserscheinungen
  • Verstärkung von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen
  • Interessenlosigkeit an Belangen der alltäglichen Realität
  • Bedürfnis, dieses Erlebnis weiter zu steigern und andere Substanzen unkontrolliert auszuprobieren
  • Damit erhöht sich die Gefahr sogenannter „Horrortrips“ und ab dann jederzeit möglicher, sogenannter „flashbacks“.

Ein kontrollierter Umgang mit diesen Substanzen ist spätestens dann nicht mehr möglich

Immer wieder tauchen bei Menschen Störungen mit diesen Hintergründen auf. Dies wird dann in den Praxen von Psychotherapeuten, Heilpraktikern und Psychiatern vorgetragen. Diese Probleme werden in der „Szene“ ungern thematisiert.

Diese Aspekte sind in Europa von größerer Bedeutung als in traditionellen Gesellschaften, denn wir sind zunächst Ahnungslose ohne den nötigen, wissenden gesellschaftlichen Kontext von Erfahrung. Navajos z.B. sind nur schwer in der Lage mit der Kulturdroge Alkohol kontrolliert umzugehen. Das ist für viele Europäer kein Problem. Substanz und Kultur gehören zusammen.

Europäer sind außerdem geübte Konsumenten. Mit etwas Übung können viele psychogene Pflanzen per Internet bestellt werden. Es ist für Europäer leicht möglich, sie aus jedem rituellen Zusammenhang zu lösen und sie, wie auch bei  Cannabis, einem zum Teil spirituell verbrämten Konsum zu opfern. Europäische Alltagskultur hat Betäubung, „Knopfdruckerlebnisse“ und das Spiel mit „fantasy“ längst salonfähig gemacht. Es entspricht einer gewissen europäischen Mentalität, die spirituelle „Autobahn“ zu nehmen, statt die Mühen des Wanderns zu wählen. „Koksen“ z.B. gilt hierzulande auch schon fast als schicker Edelkonsum, denn man muss es sich leisten können. Daraus können ernste Folgeschäden entstehen, auch wenn, oder gerade weil diese Pflanzen heilig sind. Dies muss in Europa unbedingt klar gestellt werden. Die vorsichtige Haltung der Navajo ist aus unserer Sicht auch für Europäer überzeugender und sicherer.

Berichte über einen großen Nutzen aus der Anwendung von psychoaktiven Pflanzen sollten als subjektive Schilderungen wahrgenommen werden. Entscheidend ist, welcher tatsächliche, praktische Nutzen dadurch entstanden ist, der nur auf diesem Weg möglich war. Diese Frage muss erlaubt sein. Mögliche Risiken für Europäer werden mit berichteten Erlebnissen nicht relativiert.

Übrigens:

Im August 2011 fand in Norwegen ein Treffen aller Samivölker in Norwegen statt. Sie leben zerstreut auch in Schweden, Finnland und Rußland. Eine Vorbedingung für die Teilnahme an diesem spirituellen Kongreß war, absolute Freiheit von psychoaktiven Pflanzen. Dieses Verbot galt auch für Alkohol.

 

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