01 Okt

Vom Schlechten im Guten - Über den sogenannten „Schadenszauber“ in schamanischen Traditionen

geschrieben von Hildegard Fuhrberg

Die Überwindung der Hexenverfolgung hat ein Bild geschaffen das uns leicht veranlasst, schamanischen „Schadenszauber“ als üble Nachrede abzutun. Es könnte aber auch sein, dass wir auf diesem Auge schlicht blind sind…Wir wollen diese beängstigende Seite einer schamanischen Spiritualität nicht wahrnehmen.

Im Folgenden nehme ich Bezug auf eigene Erlebnisse in Mexiko, auch auf die Berichte von Carlos Castagneda, auf David Signer der über die „Ökonomie der Hexerei“ schreibt, auf Johanna Wagner, die über Magie in Afrika berichtet und Godula Kosack, die auch in Afrika Magie beforscht hat, desweiteren der Ethnologe E.E. Evans-Pritchard, der in seinem Buch „Hexerei, Orakel und Magie bei den Zande" sich mit Hexerei bei den Zande in Afrika auseinandersetzte und dann auf Malidoma Some der als „weißer Schwarzer“ zu seinem Stamm zurückkehrte und über das Leben in Burkina Faso berichtet.

Es ist kein Wunder, dass man sowohl in Mexiko als auch in verschiedenen Ländern Schwarzafrikas nicht einfach draußen uriniert oder Stuhl absetzt. Jedes Kind weiß dort, dass damit eine gewisse Macht über den jeweiligen Menschen möglich ist. Die Sekrete sind quasi die Signatur der Menschen. Auch mit Haaren oder Fingernägeln gehen Menschen aus vielen traditionellen Gesellschaften deshalb sehr vorsichtig um. Aus demselben Grund möchten sie auch wissen wer kocht und wäscht. Diese Vorsicht beruht auf Erfahrung, nicht auf Mutmassungen. Diese Menschen sind nicht dumm oder „primitiv“, nur weil sie nicht den kühlen Verstand zum Maß aller Dinge machen. Sie haben oft erlebt, dass verzauberte Menschen angeblich Malaria oder Amöbenruhr hatten und dennoch konnte kein Krankenhaus und keine westliche Powermedizin helfen. Wohl aber ein kluger Gegenzauber, der konnte etwas ausrichten. Wer das oft genug miterlebt hat, weiß was es mit Schadenszauber auf sich hat. In vielen solchen Fällen ist es den „natives“ selbst völlig klar, weshalb ein Schadenszauber geschickt wurde. Da ist ein Kind einer Erbschaft im Weg oder ein Mann ist ein Wettbewerber um eine Frau. Oder eine Frau hat sich mit einer Nachbarin verkracht. Aber statt böser Worte wie bei uns, wird dort gehandelt und der unliebsame Mensch beginnt zu kränkeln. Das sieht nur für Weiße so aus, als ob das „unerklärlich“ sei. Die Einheimischen wissen was los ist und sie wissen auch was zu tun ist. Und der Gegenzauber wirkt genauso, wie der Schadenszauber auch. Es wirkt einfach. Für Menschen aus traditionellen Gesellschaften ist es völlig klar und stimmt mit ihrer gelebten Erfahrung überein: „Es gibt eine geistige Heilkunde und es gibt eine geistige Schadenskunde. Was nützt, kann halt auch schaden. Und die westliche Medizin versteht einfach nicht, worum es geht.“

Und wir? Wir faseln von Projektion und Nocebo Effekten ( Schadenserwartung im Gegensatz zum Placebo, der Heilserwartung) Wir wollen erklären. Es bleibt dennoch für unser Denken unerklärlich wie denn die Projektion und der Nocebo Effekt zum Beispiel bei Tieren oder Feldfrüchten wirken soll. Oder wenn jemand gar nichts von dem Zauber weiß? Auch diese beginnen bekanntlich zu kränkeln, wenn ein Schadenszauber darauf liegt. Ein Gegenzauber kann auch hier helfen. Und? Wie erklären wir das ? Es hilft nichts. Zu verstehen ist es nicht. Es entzieht sich dem Verstand, der Logik und der Ratio. Es ist was es ist, eine erfahrbare Realität.

Es ist leicht nachvollziehbar, dass diese Weltsicht einer Paranoia Vorschub leisten kann. Wenn jede Kleinigkeit als Ausdruck eines Schadenszaubers abgebucht wird, dann ist es leicht möglich, dass jedes Alltagsleben zum erliegen kommt. Das ist die reale, dunkle Seite einer schamanischen Spiritualität in Stammesgesellschaften. Es ist nützlich, das sehr genau zu betrachten. Alles andere wäre naiv und romantisch.

Gibt es Schadenszauber bei uns auch?

Eher weniger, denn wir sind nicht wissend davon überzeugt, dass es klappt. Diese Grundhaltung ist aber wesentlich, sowohl zum heilen als auch zum schaden. Man muß nicht einfach nur „glauben“. Das ist zuwenig. Man muß wissen!

Es gibt in Europa aus diesem Grund wenig große Heiler/innen und wenig machtvolle Zauber/innen die für Schadenswerk zu haben sind. Wir sind zu vernünftig. Das ist einerseits bedauerlich und andererseits beruhigend. Das Leben ist in Afrika oder Mexiko nicht immer leicht, durch diese Gefahren. Und natürlich fehlen uns dennoch die Heiler/innen bitterlich.

Wenn wir uns mit unserer eigenen Kultur auseinander setzen, finden wir viele Anzeichen von Schadensabsichten. In Betrieben wir gemobbt, bei facebook werden sogenannte „shitstorms“ losgetreten oder anonyme Beleidigungen verbreitet. Daten werden geklaut. In Partnerschaften wird gelogen und betrogen was das Zeug hält und beim Autokauf ebenso. Wir sind keine weißen Gutmenschen. Unsere aufrechten, hohen Ideale sind eine dünne, leicht zerbrechliche Kulturschicht.

Es gibt also viele gute Gründe eine Ethik der heilerischen Arbeit auch in schamanischen Zusammenhängen zu verbreiten. Es versteht sich nicht einfach von selbst, was damit gemeint sein könnte. Dieses Thema hat Gewicht. Wer hier einsteigen will, möge sich die ethischen Leitlinien ansehen.

Hildegard Fuhrberg, Hamburg, Oktober 2015

 

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Antiochia_-_House_of_the_Evil_Eye.jpg

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